Verdammt guter Mensch oder verdammter Gutmensch?

Katerina Gottesleben • January 22, 2016 • No Comments

Ich gebe zu – dieses Jahr fing nicht wirklich ruhmreich an. Für mich nicht – aber auch für Deutschland nicht. Und ich möchte hier über Zweiteres schreiben.

Kaum schrieb ich an Silvester meinen guten Vorsatz auf und forderte euch auf, Verständnis für Flüchtlinge zu haben und euch in sie hineinzuversetzen, schon bahnte sich parallel in Köln und Gott weiß wo noch ein Sexmob an, der „unsere“ Frauen belästigte. Zu allem Überfluss bestand die Mehrheit der Männer tatsächlich aus Asylsuchenden und die Polizei war anzahlmäßig so unterlegen, dass das alles außer Kontrolle geriet. So etwas schürt natürlich Angst. Und ich gebe zu – auch ich bin froh, dass ich statt einer Tochter einen Sohn habe und meistens mit dem Auto unterwegs bin. Klischee oder Realität – das verschwimmt momentan.

Um viele von uns, die es Anfangs noch gut mit Flüchtlingen meinten und sie auf allen sozialen Kanälen verteidigten, ist es jetzt still geworden was die Meinungsäußerung angeht. Einige verteidigen noch immer ihre Meinung und trennen die Flüchtlinge nach „gut“ und „böse“.

Viele scheuen Nachrichten, weil sie Angst haben. Und ich bekomme seit der Veröffentlichung des Neujahrsvorsatzes im Journal Frankfurt ebenfalls entrüstete Mails, ich sei doch selbst keine Deutsche und mein Land sei das ausländerfeindlichste überhaupt und würde gar keine aufnehmen wollen. Ja was soll ich dazu sagen? Das heißt also hier werden von Einigen, die Angst vor der Zukunft haben, alle in einen Sack gesteckt. Alle Tschechen, alle Flüchtlinge und so weiter. Ich frage mich nur, was wir tun würden, wenn hier Krieg herrschen würde. Würden wir nicht ebenfalls unser Sack und Pack zusammen raffen, unsere Kinder einpacken und mit ihnen verschwinden, wenn wir die Möglichkeit hätten, dem Terror zu entgehen? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich zähle mich nicht kategorisch zu den sogenannten „Gutmenschen“- für mich ist nicht alles schwarz oder weiß. Auch ich habe Bammel, was in der nächsten Zeit passiert. Auch ich weiß, dass der momentane Zustand nicht die Lösung aller Probleme ist. Aber wenn sich die Bevölkerung spaltet und wir anfangen, alle Ausländer in einen Sack zu stecken (noch einmal bevor hier kommentiert wird – ich habe einen deutschen Pass, spreche Deutsch, schreibe Bücher auf Deutsch, mein Kind ist Deutsch – ich glaube ich habe mich ganz gut angepasst), dann bekommen es doch auch diejenigen ab, die seit Jahren integriert sind. Oder die, die wirklich mit ihren Familien einen weiten Weg voller Leid auf sich genommen haben und vor dem Krieg flohen.

Und dann gibt es sicher auch diejenigen, die es ausnutzen, ihren Pass „verlieren“, aus eigentlich sicheren Ländern kommen und hier Unheil stiften. Gut und böse. Aber ich denke die gibt´s genauso unter uns Europäern.

Ich sprach mit einer Freundin, die als Polizistin u. A. auf Abschiebungen spezialisiert ist. Sie erklärte mir wie leicht es sei, einfach nicht zum Heimflug zu erscheinen. Müsste sich das nicht ändern? Müsste es sich nicht ändern, dass für „kleinere Delikte“ nicht abgeschoben wird? Also bei uns war das sehr einfach. Ich dachte als Kind, wenn ich einen Kaugummi klauen würde, würde sofort meine ganze Familie zurück geschickt werden (und wir waren keine Asylsuchenden). Klar war das übertrieben, aber ich benahm mich besser als wenn ich hier geboren worden wäre. Vielleicht würden sich die „Bösen“ anders benehmen, wenn das so wäre.

Und wir sollten aufhören, aufeinander loszugehen und „Gutmensch“ als Beschimpfung zu verwenden.

Und wenn ich jetzt wieder böse Antworten bekomme, so ist mir das egal. Über vernünftige Diskussionen freue ich mich. Es muss was passieren. Alle sind überfordert, die Regierung brütet vor sich hin und wir hoffen, sie kriegen es in den Griff. Lasst es uns abwarten. Mehr können wir sowieso nicht tun – außer nett sein und niemanden anfeinden, der uns nichts getan hat.

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